Fred Vargas’ “Nacht des Zorns” als Fortsetzungsroman

Die Leserinnen und Leser der “Frankfurter Neuen Presse” können sich freuen, denn sie können sich einen Buchkauf sparen: ab heute gibt es dort den aktuellen Krimi der französischen Autorin Fred Vargas als Fortsetzungsroman. Bei dem recht umfangreichen Werk werden sie allerdings reichlich Geduld aufbringen müssen, bis sie die Auflösung des Falls erfahren. Aber “umsonst” hat eben auch seinen Preis.

Info und ein Porträt der Schriftstellerin hier.

Comic: François Vidocq

Kleine Vidocq-Reihe / Teil 3

Es ist schon erstaunlich, was man alles findet, wenn man im Netz nach Medien forscht, die sich mit François Vidocq befassen. Der legendäre Gangster und Ausbrecherkönig, der später die Seiten wechselte und Chef der Pariser Sicherheitspolizei wurde, fasziniert offensichtlich nicht nur die Franzosen. Auch im deutschsprachigen Raum gibt es mehr “Material”, als ich zunächst geahnt hatte.

Zu meinen “Fundstücken” gehört auch der Comic, den ich hier vorstellen möchte. Gezeichnet und wohl auch getextet wurde er von dem Niederländer  Hans G. Kresse (1921 –  1992). Das schwarz-weiss-Bändchen enthält die 3 Geschichten “Zwischen zwei Feuern”, “Der Dieb” und “Der unsichtbare Mörder”. Ob die Erzählungen auf tatsächlichen Begebenheiten in Vidocqs abenteuerlichem Leben beruhen, kann ich nicht sagen. Die historischen Hauptfiguren (Polizeiminister Fouché, Polizeichef Henri, Vidocqs Frau Annette, Coco) sind jedenfalls korrekt.

Mitreißend sind die Geschichten nicht gerade. Allenfalls “Der unsichtbare Mörder” hebt sich etwas ab. Die Texte fallen immer wieder negativ dadurch auf, dass Wörter fehlen (“Das Sie überhaupt nichts an” oder “Schauen doch mal hier aus dem Fenster” – um nur zwei von etlichen möglichen Beispielen zu nennen). Da hat wohl jemand nicht aufgepasst.

Und dabei ist die mir vorliegende Ausgabe doch eine auf 730 limitierte, davon 30 Künstlerexemplare (mein Heft trägt die Nummer 262). Da müssen für Autor und Verlag Fehler wie die oben zitierten doch besonders ärgerlich gewesen sein …

Hans G. Kresse
François Vidocq
Boiselle & Löhmann Verlag 1988
(nur noch antiquarisch erhältlich)

Teil 2 der Vidocq-Reihe: Vidocq – der Mann mit hundert Namen

Teil 1 der Vidocq-Reihe: Der Detektiv von Paris

Film-Kurzinfo: Des vents contraires

“Des vents contraires”  ist ein 2011 gedrehter französischer Film. Er basiert auf dem gleichnamigen Roman von Olivier Adam (deutscher Titel “Gegenwinde”). Adam schrieb zusammen mit dem Regisseur auch das Drehbuch.

Plötzlich steht Paul Anderen  mit seinen zwei Kindern alleine da – seine Frau Sarah  ist spurlos verschwunden. Verzweifelt wartet die Familie auf Nachricht – vergebens. Schließlich versucht Paul einen Neuanfang:  Er zieht mit seinen Kindern ins bretonische St. Malo, wo er aufgewachsen ist und wo er hofft, wieder Ruhe zu finden. Doch auch diese Hoffnung trügt. Dann erfährt er eines Tages, warum Sarah verschwunden ist …

Hauptdarsteller sind Audrey Tautou (Sarah) und Benoît Magimel (Paul). Regie führte Jalil Lespert.

Krimi-Hörspiel: “Der Mörder” von Georges Simenon

Krimi-Klassiker auf WDR 5

“Krimi am Samstag” - 7. 4. 2012, 10.05 Uhr; Wiederholung 23.05 Uhr

Foto: Wikipedia

Über den Inhalt des Hörspiels von Georges Simenon lesen wir auf WDR 5:

An jedem ersten Dienstag des Monats nimmt Hans Kuperus gewöhnlich an einem Mediziner-Treffen teil. Nur zweimal weicht er davon ab. Das erste Mal überzeugt er sich davon, dass seine Frau ihn mit dem Anwalt Graf de Schutter betrügt, ganz genau so, wie es ihm in einem Brief ohne Absender mitgeteilt worden ist. Beim zweiten Mal erschießt er die beiden. Er wirft die Körper in einen Kanal und lässt die Beweise für das Verbrechen verschwinden. Doch anstatt Reue zu empfinden, fühlt sich der Mörder wie befreit …

Georges Simenon (1903-1989) schrieb ein umfangreiches Werk von über 500 Titeln. Weltberühmt machte ihn vor allem die Figur des Pariser Kommissars Maigret. Neben den 76 Maigret-Romanen verfasste er noch weitere 130 Kriminalgeschichten, die vor allem auf Grund ihrer feinen psychologischen Skizzen eine weltweite Leserschaft finden.

Mehr Informationen über das Hörspiel “Der Mörder” auf der Homepage von WDR 5.

Fred Vargas: Die schöne Diva von Saint-Jacques

Meine neuen “ziemlich besten Freunde” heißen Marc, Mathias und Lucien. Vielen Krimifans, zumal wenn sie gern die Romane von Fred Vargas lesen, werden  sie auch als “die drei Evangelisten” bekannt sein. Diese Bezeichnung verdanken die drei jungen Männer Marcs Onkel, der sich einen Spaß daraus macht, seinen Neffen und dessen Freunde “Heiliger Markus” bzw. “Heiliger Matthias” bzw. “Heiliger Lukas” zu rufen.

Dabei haben Marc, Mathias und Lucien mit der Bibel eigentlich nichts am Hut. Sie sind Historiker ohne Berufsperspektive, sitzen nach eigenem Bekunden alle in der Scheiße und haben sich, um wenigstens ein Dach über dem Kopf zu haben, zusammengetan und ein altes heruntergekommenes Haus gemietet.

Die Not muss wirklich groß gewesen sein, denn die drei jungen Männer trennen – obwohl allesamt Historiker – Welten: Mathias hat sich der Frühgeschichte verschrieben; Marc bearbeitet das Mittelalter; Lucien betreibt Forschungen über den 1. Weltkrieg. Jeder  betrachtet das Fachgebiet der jeweils anderen Mitbewohner mit Verachtung, Unverständnis und Hochmut. Na ja, aber sonst verstehen sie sich eigentlich recht gut. Kurz nach dem Einzug in die “Baracke” stößt Marcs Onkel und Pate Armand Vandooseler, ein ehemaliger, aus dem Polizeidienst gefeuerter “Bulle”, zu dem Trio und bezieht das Dachgeschoss.

Nachbarin der Männer-WG an der “Westfront”, wie Weltkriegshistoriker Lucien  zu sagen pflegt,  ist die schöne Opernsängerin Sophia, die eines Morgens in ihrem Garten eine frisch gepflanzte Buche vorfindet. Niemand hat eine Erklärung dafür. Sophia ist beunruhigt, und da Ehemann Pierre keinerlei Interesse an dem merkwürdigen Ereignis zeigt, bittet sie Marc und seine Freunde, die Buche auszugraben. Aber so tief sie auch graben, sie finden nichts, was darunter verborgen wäre oder eine Erklärung liefern könnte.  Wenig später taucht vor dem Haus der Sängerin eine junge Frau mit ihrem Sohn auf: Alexandra, Sophias Nichte, die stundenlang im strömenden Regen auf ihre Tante wartet, mit der sie verabredet war. Sagt sie. Aber Sophia ist spurlos verschwunden. Und dann wird eine verkohlte Leiche in einem Auto gefunden… Bei all dem Trubel ist es gut, dass es an der “Ostfront” das kleine, von Juliette betriebene Restaurant “Tonneau” gibt, das zum beliebten Treffpunkt wird und bei dem Mathias, der starke Sympathien für die Chefin empfindet, als Kellner anheuern kann.

Die drei Evangelisten werden unfreiwillig zu Kriminalisten, denn sie mochten Sophia sehr. Während sie im Verein mit Marcs Onkel, dem Ex-Kriminalbeamten, parallel und manchmal auch gegen die Polizei eigene Nachforschungen betreiben, gerät Alexandra mit ihrem seltsamen Verhalten mehr und mehr in den Fokus der offiziellen Ermittler, sehr zum Leidwesen von Marc, der sich zu der netten jungen Frau hingezogen fühlt.

Mehr sei an dieser Stelle über den Fortgang der Geschichte, in der  die Autorin so einige Haken schlägt, nicht verraten. Selber lesen macht schlau. Und obendrein macht die Lektüre auch wirklich Spaß, denn “Die schöne Diva von Saint-Jacques” ist ein wunderbarer Kriminalroman.

Fred Vargas zeigt schon in diesem frühen Werk  (die französische Originalausgabe ist 1995 erschienen), welches Potenzial in ihr steckt. Die Geschichte wird behutsam und mit gelegentlichem Augenzwinkern erzählt. Die Dialoge sind oft ausgesprochen witzig, wie Fred Vargas das Spiel mit den Worten ja ohnehin perfekt beherrscht. Ihre Figuren, insbesondere die drei Evangelisten mit ihren kleinen Macken und Eigenheiten, zeichnet sie ausgesprochen liebevoll. Marc, Mathias und selbst der mit seinem militaristischen Jargon manchmal etwas nervige Lucien erweisen sich trotz aller Spleens als richtig nette Typen, denen man bald wieder begegnen möchte. Zum Glück gibt es dazu auch Gelegenheit: Fred Vargas hat mit  “Das Orakel von Port Nicolas” und  “Der untröstliche Witwer von Montparnasse”  noch zwei weitere Evangelisten-Kriminalromane geschrieben.

Fred Vargas:
Die schöne Diva von Saint-Jacques
(Originaltitel: “Debout les morts”)
Aufbau Taschenbuch Verlag 1999, 8,99 EUR (mittlerweile anderes Cover als meine Ausgabe)

Es gibt alle drei Evangelisten-Romane auch als Sammelband für 19,99 EUR.

Fred Vargas’ Nacht des Zorns: Was sagen die Rezensenten?

Er wurde mit Spannung und von vielen Fred Vargas- Freunden mit Vorfreude erwartet: Der Roman “Die Nacht des Zorns” ist das jüngste Werk der französischen Erfolgs-Autorin. Mitte März ist das Buch in den Handel gekommen. Hält es, was sich die Fans und Krimikritiker davon versprochen haben?

Hier eine Auswahl an Rezensionen. Sie ist eher zufällig und – wie das bei einer Auswahl so ist – erhebt keinerlei Anspruch auf Vollständigkeit. Der Tenor der Besprechungen ist eindeutig: Begeisterung.

Spiegel online
Frankfurter Rundschau online
Hallo-Buch.de
My Crime Time

Chansons kriminell (6): On ne tue pas son prochain

Heute präsentiert France Polar mal wieder einen Titel aus seiner kleinen Reihe “Chansons kriminell”.

Wir hören den Franzosen Gerard Manset, der in seiner Heimat großes Ansehen genießt, bei uns in Deutschland aber wenig bekannt ist. Mit seinem schon 1968 aufgenommenen Chanson gibt er uns als Mahnung auf den Weg: “Man tötet seinen Nächsten nicht”.

Jean-Luc Bannalec: Bretonische Verhältnisse

Ein Fall für Kommissar Dupin

Eigentlich ist Kommissar Georges Dupin aus Concarneau gar nicht zuständig. Aber ausgerechnet zu dem Zeitpunkt, als im nicht weit entfernten malerischen Pont Aven der angesehene Hotelier Pierre-Louis Pennec ermordet aufgefunden wird, hat Dupins Kollege Dercap Urlaub. Die Aufklärung des Falls wird Dupin übertragen.

Der betagte, über 90 Jahre alte Pennec hat das Hotel Central von seiner Mutter geerbt, und dieses Hotel hat einen legendären Ruf, hat doch der berühmte Maler Paul Gauguin während seiner Schaffenszeit in Pont Aven dort gewohnt. Während die Ermittlungen zunächst ziemlich ergebnislos verlaufen, erfährt der Fall auf einmal eine dramatische Zuspitzung: Der schwer herzkranke Pennec hat wenige Tage vor seiner Ermordung von seinem Arzt erfahren, dass er angesichts seiner gravierenden Gesundheitsprobleme wohl nur noch wenige Tage zu leben hat. Eilig hat er bei der Notarin einen Termin vereinbart, um sein Testament zu ändern. Doch so weit kommt es nun nicht mehr.

Angeblich wollte Pennec entgegen dem ursprünglichen Testament ein im Familienbesitz befindliches Gemälde von Gauguin dem Pariser Musée d’Orsay schenken. Das Bild soll seit Jahrzehnten unerkannt im Hotel-Restaurant hängen und seine Existenz bzw. Bedeutung für die Kunstwelt nur einem ganz kleinen Kreis von Eingeweihten bekannt sein. Aber die Kunsthistorikerin, die zur Begutachtung aus Brest kommt, stellt rasch fest: das Bild, das im Restaurant hängt, weist zwar Parallelen zu Gauguins “Vision nach der Predigt” auf, ist aber kein echter Gauguin. Und wenn es – so unwahrscheinlich es auch sein mag – aber doch eine von Gauguin gemalte “Vision 2″ gäbe und das Bild im Restaurant eine Kopie davon wäre? Die fieberhafte Suche beginnt. Sollte es tatsächlich eine echte “Vision 2″ geben, ginge es immerhin um einen Schätzwert von ca. 40 Millionen EURO. Wenn so viel Geld kein Mordmotiv ist …

“Bretonische Verhältnisse” ist der erste Kriminalroman von Jean-Luc Bannalec, und dieser Erstling ist außerordentlich gut gelungen. Die Geschichte ist wunderbar erzählt. Die agierenden Personen sind so gezeichnet, dass sie “Persönlichkeit” haben und man sich gut ein Bild von ihnen machen kann. Mit Kommissar Dupin hat der Autor (Vater Bretone, Mutter Rheinländerin) einen Ermittler geschaffen, der zwar seine Ecken und Kanten hat und manchmal seine ganz eigenen Wege geht, der aber ungemein sympathisch ist. Ein grundsolider, ehrlicher, nachdenklicher Typ. Ihm und seinen sehr unterschiedlichen Mitarbeitern Rival und Kadeg sowie der einfühlsamen und unentbehrlichen Nolwenn im Büro des Kommissariats möchte man gern bald wieder begegnen.

Man muss also nicht unbedingt (schon) Bretagne-Fan sein, um diesen Krimi zu mögen. Wenn man es aber (wie ich) bereits ist, würde man am liebsten seine Sachen packen und sich auf nach Pont Aven machen, so authentisch und einladend sind Städtchen und Umgebung geschildert. Mord hin. Mord her.

Bretonische Verhältnisse
Ein Fall für Kommissar Dupin
von Jean-Luc Bannalec
Verlag Kiepenheuer & Witsch 2012, 301 Seiten, 14,99 EUR

Film-Kurzinfo: Das Haus der Geheimnisse

Der französische Film “Das Haus der Geheimnisse” (Originaltitel: “Derrière les murs”) spielt in der Auvergne. Wir befinden uns im Jahr 1922. Die junge Schriftstellerin Suzanne reist aufs Land, um in Ruhe an ihrem neuen Buch zu schreiben. Ihre erlahmte Kreativität wird geradezu beflügelt, als sie im Keller des Hauses einen zugemauerten Raum entdeckt. Aber schon bald wird sie von Halluzinationen und Albträumen heimgesucht. Und dann verschwinden in der Umgebung mehrere junge Mädchen spurlos.

Hier der deutsche Trailer zum Film.

“Derrière les murs” wurde 2011 in Frankreich gedreht. Regie führten Julien Lacombe und Pascal Sid. In den Hauptrollen sind Laetitia Casta und Jacques Bonnaffé zu sehen.

Boileau / Narcejac: Aus dem Reich der Toten

Nein. Diesen Auftrag will er nicht übernehmen, Das ist ja eine völlig irrsinnige Geschichte, die sein alter Schulfreund Paul Gévigne ihm da erzählt. Und der ihn, den ehemaligen Polizisten, bittet,  Ehefrau Madeleine zu deren eigenem Schutz zu überwachen. Denn Madeleine Gévigne verhält sich seit einiger Zeit sehr merkwürdig, sehr besorgniserregend. Sie ist zeitweilig völlig in sich gekehrt, wie versunken in eine andere Welt. Und wenn sie wieder zu sich kommt, erinnert sie sich an nichts, was sie während einer solchen Phase gemacht hat. Vieles deutet darauf hin, das ihre Urgroßmutter Pauline Lagerac, die mit 26 Jahren Selbstmord begangen hat, mit dem sonderbaren Verhalten  Madeleines zu tun hat. Die junge Frau scheint zu glauben, dass in ihrer Person Pauline wieder ins Leben zurückgekehrt ist…

Eher widerwillig beginnt Roger Flavières  dann doch, Gévignes Frau zu beschatten, und er staunt nicht schlecht, als er nun erfährt, welche Orte und Plätze Madeleine besucht: das Grab der Urgroßmutter, die frühere Wohnung von Pauline, die Madeleine angemietet hat, das Museum, in dem ein Portrait Paulines hängt … Und dann der Selbstmordversuch, als Madeleine in die Seine springt. Doch unter Aufbietung aller Kräfte kann Roger sie  aus dem kalten Wasser ziehen.

Das ist der Beginn ihrer offiziellen Bekanntschaft und einer inoffiziellen Liebesgeschichte. Flavières fühlt sich mehr und mehr zu dieser sonderbaren Frau hingezogen. Bald kann er sich ein Leben ohne Madeleine nicht mehr vorstellen. Sie beherrscht sein ganzes Denken und Fühlen. Doch dann geschieht das Schreckliche: während eines gemeinsamen Ausflugs betreten sie eine Kirche. Madeleine eilt plötzlich die Stufen zum Kirchturm hinauf. Flavières, der seit einem Zwischenfall bei der Polizeiarbeit an panischer Höhenangst leidet, kann nicht folgen. Er muss er hilflos zusehen, wie die Frau vom Kirchturm stürzt.

Niemand hat Roger Flavières  gesehen. Unbemerkt  verschwindet er nach einem letzten Blick auf die Tote.

Schnitt. Ich will hier nicht die ganze Geschichte erzählen. Mhm. Aber ein paar Sätze sind doch noch notwendig.  Nach Rückkehr von einem mehrjährigen Aufenthalt in Dakar sieht Flavières eines Tages im Kino die Wochenschau und zuckt zusammen: die blonde Frau, die da  in der Menschenmenge steht  … Aber das gibt’s doch nicht! Madeleine ist doch tot! Aber trotzdem. Das muss sie sein! Diese Ähnlichkeit! Auch wenn sie nicht ganz so elegant und gepflegt ist wie Madeleine, deren Verlust er einfach nicht überwinden kann.

Es gelingt Flavières, den Aufenthaltsort der Frau ausfindig zu machen und sie für sich zu gewinnen. Die Beziehung wird zunehmend dadurch belastet, dass er  wider alle Vernunft Renée Sourange immer wieder die Bestätigung abringen will, dass sie in Wahrheit Madeleine ist. Und wenn er – hin und hergerissen zwischen Hoffnung, Verzweiflung und Realitätssinn – in lichten Momenten realisiert, dass er es mit einer anderen Frau zu tun hat, versucht er, diese zu Madeleines Ebenbild umzuformen:  Er kauft Renée Garderobe in dem Stil, den Madeleine bevorzugte, er drängt darauf, dass sie sich so schminkt und frisiert wie sie. Er ist regelrecht besessen von der Idee, Madeleine auf diese Weise für sich zurückzugewinnen. Und dann erfährt er eines Tages, dass er in eine Intrige verwickelt worden ist.

“Aus dem Reich der Toten” ist eine spannende, teuflische, aber keineswegs übernatürliche Geschichte. Es ist meisterlich, mit welcher Intensität und Einfühlsamkeit das Autorenduo Boileau/Narcejac den Seelenzustand und die psychischen Qualen ebenso wie den körperlichen Niedergang (Alkohol, Abmagerung)  eines Mannes  beschreibt, der verzweifelt an seiner alten Liebe festhält. Die anderen Personen spielen in diesem lesenswerten Krimi aus den 50er Jahren eine eher untergeordnete Rolle.

Der Roman von Boileau/Narcejac wurde übrigens 1958 von Alfred Hitchcock unter dem Titel “Vertigo” mit James Stewart und Kim Novak in den Hauptrollen verfilmt. Der Film ist aber eine recht freie Adaption der Vorlage von 1954. Während der Roman in Frankreich, insbesondere Paris, angesiedelt ist, spielt Hitchcocks Film in San Francisco. Daneben gibt es aber noch eine Reihe weiterer, recht gravierender Abweichungen. Da es hier aber um das Buch und nicht um den Film geht, werde ich auf Hitchcocks Werk nicht weiter eingehen..

Abschließend ein paar Informationen über die Autoren: Der Literaturprofessor Thomas Narcejac (1908 – 1998) und der nebenher schon als Krimischriftsteller tätige Sozialarbeiter Pierre Boileau (1906 – 1989) lernten sich gegen Ende des 2. Weltkriegs kennen und beschlossen, künftig gemeinsam psychologische Kriminalromane zu schreiben. Und das taten sie dann auch ebenso erfolgreich wie zahlreich: 18 gemeinsame Veröffentlichungen habe ich gezählt.

Pierre Boileau / Thomas Narcejac
Aus dem Reich der Toten
(Originaltitel: “D’entre les morts”)
rororo Thriller 1985, 153 Seiten
(nur noch antiquarisch erhältlich)

TOP-Film am Wochenende 17./18. 3. im ZDF: 36 – Tödliche Rivalen

Daniel Auteuil

Ein französischer Polizeithriller aus dem Jahr 2004 mit Top-Besetzung: Gérard Depardieu und Daniel Auteuil spielen die Hauptrollen in “36 – Tödliche Rivalen”.

Das ZDF zeigt den Film von Regissieur Olivier Marchal, der selbst einmal Polizist war, in der Nacht von Samstag, 17. März, auf Sonntag, 18. März 2012, ab 1.40 Uhr und schreibt über den Thriller in seiner Programmvorschau u. a.:

Zwei Polizisten jagen eine brutale Bande von Raubmördern. Beide wollen den Fall lösen, denn es winkt eine dicke Beförderung. Und dafür ist einem von ihnen fast jedes Mittel recht. Auf den Straßen von Paris beginnt ein gnadenloser Wettkampf, der die beiden Rivalen schließlich zu Todfeinden macht.

Jacques Loustal / Dennis Lehane: Coronado

Zeichnung: Jacques de Loustal
Szenario: Dennis Lehane

“Coronado” ist eine französisch/amerikanische Co-Produktion, wobei ich nicht weiß, ob es einen direkten Austausch zwischen Loustal und Lehane gegeben hat.

Der Franzose Jacques de Loustal, der uns hier bei France Polar natürlich vor allem interessiert, veröffentlichte seine ersten Illustrationen bereits 1970, als er noch Architektur studierte. Für seine Werke erhielt er zahlreiche Preise, zuletzt den Grand Prix in Lucca für “Tod eines Mörders”. Loustal wurde 1956 in Neuilly-sur-Seine geboren und lebt in Paris.

Dennis Lehane wurde 1994 mit seinem Erstling “A Drink Before War” (deutscher Titel: Streng vertraulich) schlagartig berühmt. Sein Meisterwerk “Shutter Island” wurde von Martin Scorsese verfilmt. Inzwischen gibt es “Shutter Island” auch als Graphic Novel. “Coronado” basiert auf Lehanes Erzählung “Until Gwen”. Der Schriftsteller lebt in der Nähe von Boston.

“Heute werde ich aus dem Gefängnis entlassen. Mein Vater holt mich ab in einem gestohlenen Buick Skylark. Im Handschuhfach hat er ein paar Gramm Koks und auf dem Rücksitz eine Hure namens Mandy.

Nach 2 wortlosen Panels, die die Startseite füllen, sind dies die ersten und meines Erachtens besten Zeilen in “Coronado”.

Was war Bobbys Verhaftung vorausgegangen? Vier Jahre zuvor hatte er mit seiner Freundin Gwen einen von seinem Vater geplanten Überfall verübt. Einem Bergarbeiter sollte ein Diamant geraubt werden, den dieser, so die Gerüchte, an der Absturzstelle eines mit einer Diamantenkiste beladenen Flugzeugs gefunden hatte. Die beiden jungen Leute werden fündig, bei ihrem Einbruch aber überrascht. Gwen kann fliehen, doch Bobby muss mit einer Schussverletzung am Kopf aufgeben. Sie wollen sich später in Coronado treffen.

Ist es die Kopfverletzung, die dazu geführt hat, dass Bobby sich nicht recht erinnern kann, was mit dem Diamanten geschehen ist?
Während der Vater ihn in der Hoffnung, dass es bei seinem Sohn “Klick” macht, zu den Schauplätzen des damaligen Geschehens führt, werden nach und nach Erinnerungen wach. Und dann erfasst Bobby eine große Unruhe. Wo ist Gwen? Was ist mir ihr geschehen? Und wo ist eigentlich Mandy abgeblieben …?

Coronado ist im Verlag Schreiber & Leser in der Série noir erschienen, und da gehört die tiefschwarze Graphic Novel auch hin. Insgesamt finde ich die Story aber nicht gerade umwerfend.

An den Zeichnungen von Loustal habe ich deutlich mehr Freude. Ein gelungenes Wechselspiel von Licht und Schatten, Blautöne in unzähligen Abstufungen. So entsteht eine dichte Atmosphäre. Dank Loustal hat sich der Kauf des Buches schließlich doch gelohnt.

Coronado
Jacques Loustal · Dennis Lehane
Verlag Schreiber & Leser 2010
96 Seiten,brosch., 16,80 EUR

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